Klangrausch - unplugged

Meine Lieblingsbücher mit und um Musik

Gerade eben, Anfang 2018, erschien Sophie Charlotte. Preußens erste Königin von Barbara Beuys im Insel-Verlag. Sophie Charlotte, geboren als Herzogin von Braunschweig und Lüneburg, später von Hannover, verdankte ihre ausgezeichnete Ausbildung vor allem ihrer Mutter Sophie von der Pfalz, die in den liberalen Niederlanden aufgewachsen war. Ihre umfassende Bildung unterschied sich nicht von der ihrer Brüder: Sprachen vor allem, Literatur, Tanz und jede Menge Musik, für die schon die Eltern viel Begeisterung und Geld aufbrachten. Sophie Charlotte erhielt eine gründliche musikalische Ausbildung und wirkte am Cembalo bei vielen Aufführungen mit. Das gilt vor allem für die Jahre nach ihrer Hochzeit mit dem Kurprinzen Friedrich von Brandenburg, in denen sie vor allem in ihrem neuen Schloss in Lietzenburg (später Charlottenburg) dem kulturellen Leben in Berlin entscheidende Impulse gab. Der Kurfürst und (ab 1701) König in Preußen schätzte den Glanz, den seine Gemahlin in das geistig und kulturell wenig aktive Berlin brachte. Sie zog nicht nur interessante Musikerinnen und Musiker an ihren Hof, sie pflegte auch Freundschaften mit bedeutenden Denkern wie Gottfried Wilhelm Leibniz. Barbara Beuys kann in ihrer Lebensbeschreibung auf die Teile der ausgedehnten Korrespondenz zurückgreifen, die nach dem frühen Tod der Königin nicht verbrannt worden sind. Ihre Darstellung gewährt tiefe Einblicke in das Leben des ausgehenden Barockzeitalters, auf die prägenden Einflüsse für Sophie Charlotte, auf ihre Persönlichkeit, die genau zwischen offizieller Rolle und  privaten Interessen unterscheidet. Es gelingt Sophie Charlotte zwar nicht, ihre Vorliebe für Schöngeistiges, Philosophie, Literatur und Musik, an ihren einzigen Sohn Friedrich Wilhelm, den Soldatenkönig, weiterzugeben. Ihre Enkel Friedrich II. von Preußen und Wilhelmine von Bayreuth, deren Mutter Sophie Dorothea ebenfalls eine Hannoveranerin ist, greifen das Erbe ihrer Großmutter und ihrer Mutter mit großem Enthusiasmus auf. Die Konflikte, die daraus entstehen, sind aber eine andere und weitaus bekanntere Geschichte als das Leben Sophie Charlottes.

 


Über den Roman Justizpalast bin ich auf die Schriftstellerin Petra Morsbach gestoßen. Ich fand das Buch großartig, klug, dabei mitreißend und spannend geschrieben, also habe ich mich informiert, was es bei ihr noch an gutem Lesefutter zu entdecken gibt. Der Titel Opernroman ließ bei mir Glöckchen klingeln, und ich besorgte mir die Ausgabe, die 1998 bei Eichborn in Frankfurt/Main erschienen ist. Die Autorin, die etliche Jahre als Dramaturgin und Regisseurin gearbeitet hat, konnte für das Buch auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Empathie für ihr Personal, die meist von prekären Beschäftigungsverhältnissen lebenden Sänger*innen, Tänzer*innen, Dirigent*innen, und ironische Zuspitzungen prägen die Geschichten, die Morsbach in einer Vorrede, fünf Kapiteln und einem Epilog erzählt. Der eine oder andere Theaterwitz fasst das Erzählte pointiert zusammen. Dieser Blick hinter die Kulissen empfiehlt sich nur für Menschen, die sich sicher sind, dass sie die eklatante Diskrepanz zwischen theatraler Illusion und prosaischer Realität auch aushalten. 


Vor einiger Zeit habe ich den unglaublich spannenden und bedrückenden Roman Der Lärm der Zeit von Julian Barnes über das Leben Dmitri Schostakowitschs (1906-1975) nicht gelesen, sondern atemlos verschlungen. Es gibt viel biografische und musikwissenschaftliche Literatur über den unglücklichen Komponisten, der zu einem gefährlichen Tanz mit dem Sowjetregime gezwungen war. Julian Barnes wählt für seine Schilderungen die Innensicht Schostakowitschs, und es geht um nicht weniger als das nackte Überleben, um Anpassung und Verbiegen, um Selbstachtung und um künstlerische Integrität. Der Diktator Stalin ließ seinem Unverständnis über Dmitri Schostakowitschs Oper Lady Macbeth von Mzensk in einem Artikel, der in der Prawda erschien, freien Lauf, danach konnte sich der Komponist lange Jahre seines Lebens nicht mehr sicher sein. Zeitweise schlief er sogar neben dem Fahrstuhl, damit seine Familie bei der befürchteten Verhaftung, die willkürlich und im Morgengrauen vorgenommen wurden, nicht geweckt werde. Barnes zieht kluge Vergleiche zwischen dem Orchestertyrannen Toscanini und der durch Despotie verbogenen Gesellschaft: Zwar musste der Maestro sie [die Musiker] von Zeit zu Zeit notgedrungen etwas hart anfassen, aber er war ein großer Führer und man musste ihm folgen. Wer wollte da noch bestreiten, dass ein Orchester ein Mikrokosmos der Gesellschaft war?

 

 


Ich habe mich, angelockt durch den Titel, dazu hinreißen lassen, mal wieder zu einem Thriller von Tess Gerritsen zu greifen. Diesmal ohne Rizzoli & Isles, dafür mit dem Titel Totenlied. Von Rizzoli & Isles konnte ich in meiner sehr ausgeprägten Krimi-Lese-und-Hör-Phase nicht genug bekommen, diese Phase ist aber definitiv vorbei. Gerritsen hat, passend zu ihrem neuen Thriller, selbst ein Stück für Geige komponiert, das von Susanne Hou eingespielt worden ist und auf iTunes und anderen Download-Plattformen zur Verfügung steht. Bis jetzt habe ich es mir nicht angehört. - Zurück zum Buch: Darin spielt eine geheimnisvolle Komposition tatsächlich eine Rolle, allerdings ist das "nur" eine Melodie ohne irgendwelchen musik-, philosophie- oder ideengeschichtlichen Hintergrund. In dieser Hinsicht nach Helmut Krausser ein Absturz. Der Thriller ist gut konstruiert und spannend erzählt, das Ende allerdings fand ich nach dem ganzen Aufwand an historischem Greuel - ein Teil der Geschichte spielt während des Faschismus und der Judenverfolgung in Italien, genauer in Venedig -, doch ein wenig platt.

 


Bei der Lektüre von Helmut Kraussers einschlägigen Büchern habe ich mich nicht an die Reihenfolge gehalten. Zuerst habe ich den mit 240 Seiten ziemlich übersichtlichen Roman Alles ist gut gelesen, und jetzt arbeite ich mich durch den 860-Seiten-Wälzer Melodien. In beiden geht es um die Macht der Musik und ihre Fähigkeit, "die Leidenschaften zu wandeln", wie Emanuel Schikaneder es so hübsch in seinem Libretto zur Zauberflöte ausgedrückt hat. Eigentlich ein ganz alter Hut, seit den antiken Griechen arbeiteten sich Heerscharen von Philosophen und Musiktheoretikern daran ab, ohne letztlich ergründen zu können, was es nun wirklich und im Kern ist, was uns Menschen an mancher Musik berührt. Tja -. Aaaaalso, ich fang mal mit den Melodien an: Schauplatz ist das Italien der Renaissance, und die Geschichte beginnt mit einem Menschen namens Castiglio, der sein Medizinstudium abgebrochen hat und sich als Magier und Alchimist durch's Leben schlägt. Eigentlich ist er aber auf der Suche nach dem Geheimnis der Musik, nach der "Urmusik". Gerade ist er ihr im Folterkeller und im Zimmer einer Gebärenden auf der Spur. Woran man sieht: der Roman ist auch für Menschen geeignet, die das Historische und speziell möglichst authentische Schilderungen mögen. Aber es geht vor allem um Musik. O-Ton Castiglio: "Zwar haben die meisten Gattungen, wie die Literatur, die Bildhauerei, die Architektur, inzwischen einen theoretischen Rahmen erstellt und sich in ihre Gründe vertieft, aber eine Kunst hinkt allen weit hinterher, bildet ein kaum beackertes Feld verborgener Schätze. Ich meine die Musik, die in Wahrheit die göttliche Sprache ist, deren Gesetzmäßigkeiten wir aber wenig verstanden haben, in der wir uns nur bruchstückhaft und stotternd zu verständigen wissen." Und ein paar Zeilen weiter, als ihm sein Graf und Finanzier vorhält, dass es mit dem Goldmachen immer noch nicht geklappt habe: "Mein Lautenspiel" - es ist, nebenbei bemerkt, eine Knickhalslaute - "war immer Versuch, in die Geheimnisse der Musik einzudringen, denn ich bin überzeugt, hier liegt vieles an irdischer Macht bereit".

Aber ach, dem armen Kerl, der sich im Alter Castiglio Tropator (Schöpfer von Melodien) nennt, scheitert in der Kunst, eine Zauberweise zu erfinden, die, einer begehrten Person vorgespielt, grenzenloses Verlangen entfacht. Das Objekt der Begierde des alten Landesherrn nämlich ist ein schönes Bauernmädchen, das seinen Avancen allerdings problemlos widersteht. Daran ändert auch die achttaktige Melodie nichts, die zwei bedauernswerte Lautenisten stundenlang genau gleich und ohne jedwede Verzierung wiederholen müssen: Der magische Sog stellt sich einfach nicht ein. Krausser würzt alles mit reichlich Ironie - ohne dieses wichtige Ingrediens wäre der Roman schon ein bisschen dröge und bildungshuberisch. Überhaupt scheint seine Fabulierlust unerschöpflich, seine Figuren sind lebensprall und klug geformt, sein Wissen über Zeit und Musik gründlich, aber er trägt es nicht vor sich her. Ich lese mit Lust und Vergnügen weiter und bin gespannt, welche Abenteuer noch auf die Helden warten.

Und Helden gibt es etliche, auch solche der Moderne, genauer, der 1980er Jahre. (Die erste Fassung des Romans erschien 1993, 2014 legte Krausser die revidierte Fassung vor. Letztere habe ich gerade gelesen.) Alle originell bis bizarr, vor allem das Häuflein der Mysterienforscher, die sich Mythosophen nennen, bei denen nie ganz klar ist, ob sie noch dies- oder schon jenseits der Trennlinie zwischen rational Erklärbarem und verwegen blühender Einbildungskraft sind. Das Interessante - und der Kernpunkt - dabei ist, dass das, was die Musik im Innersten zusammenhält, und das, was sie uns vermittelt, in Worten nicht wirklich so ausgedrückt werden kann, dass alle dem zustimmen können. Womit wir bei meinem Lieblingsthema wären .... ;-))) Das bleibt natürlich auch für Schriftsteller eine ewige Herausforderung .... Ich habe schon erwähnt, dass Krausser ziemlich überlegen mit dem Stoff spielt, oder? In seinen Melodien lässt er alles an Komponisten und Musikern auflaufen, was die Renaissance und das Frühbarock in Italien zu bieten haben: Guido d'Arezzo (okay, das war noch Mittelalter), der in der Abtei Pomposa die Notenlinien weiterentwickelte. In dieser Abtei suchten auch Castiglio Tropator und sein Begleiter Andrea, ein Sänger, der ein frühes Ende auf dem Scheiterhaufen fand, Zuflucht. Die zauberischen Melodien werden daraufhin immer wieder in Pomposa gesucht. Giovanni Pierluigi da Palestrina, der Erneuerer der Kirchenmusik, der kunstvolle Polyphonie mit Deutlichkeit der Melodie und Verständlichkeit der Textworte verband. Hat er nicht in seiner Missa Papae Marcelli einige von Castiglios mythischen Melodien verwandt? Dann Carlo Gesualdo da Venosa, der die unbegleitete Vokalpolyponie bis an ihre Grenzen ausschöpfte. Durch den Mord an seiner Frau und deren Liebhaber wurde er mindestens ebenso bekannt wie für seine Musik. Besuchte nicht auch er die einst so mächtige Benediktinerabtei? Von Gregorio Allegri, Komponist und Tenorsänger in der päpstlichen Kapelle in Rom, ist vor allem das doppelchöriges Miserere noch lebendig, das der junge Mozart 1770 hörte und aus der Erinnerung niederschrieb. (Den Wahrheitsgehalt dieser Story will ich hier nicht nachgehen.)  Sogar Giovanni Girolamo Kapsberger taucht als Lautenist und Theorbenspieler auf - das freut mich, ich bin ein Fan seiner hochvirtuosen, vielleicht ein wenig exzentrischen Kompositionen für Saiteninstrumente.

Die merkwürdigste Gestalt in Kraussers Panoptikum ist für mich Marc' Antonio Pasqualini, ein 1614 geborener Sänger, der wegen seiner schönen Stimme in jungen Jahren kastriert wurde. Seine Karriere führt ihn als Sopranist in die päpstliche Kapelle, gefeiert wurde er auch als Protagonist der damals noch jungen Oper. Die weibliche Konkurrenz dort findet er zutiefst unwürdig, mit einem Geheimbund kämpft er gegen das vermeintliche Unwesen an. "Mulier taceat in ecclesia", den unfreundlichen Spruch des Frauenfeindes Paulus, möchte Pasqualini auf die Opernbühne übertragen. "Das Gebot ... stellte klar, daß in allen katholischen Landen die Kirchenmusik immer auf Kastraten angewiesen sein würde, sofern man obere Tonregionen nicht vernachlässigen wollte. Von daher war es ebenso klar, daß es Kastraten immer geben würde. Wenn es sie nun aber einmal gab - wozu um Himmels willen benötigte man   W E I B E R?"

 

Interessanterweise versteht er nicht, dass ausgerechnet dieser Spruch des Apostels der Grund für sein Kastraten-Schicksal war. Da ist es doch viel einfacher, Wut und Hass auf das unterreichbare Objekt zu lenken ... Pasqualinis Geheimgesellschaft agiert im Namen Orfeos, des berühmtesten Sängers und Dichters der griechischen Mythologie, dessen Gesang Götter, Menschen und sogar Tiere, Pflanzen und Steine betörte. Der Hausgott aller Diven stand auch Pate bei der Erfindung der Oper, unzählige Komponisten ließen sich von der Sage von Orpheus und Eurydike inspirieren. Krausser legt Pasqualini einen Lebensbericht in die Feder, der sich gewaschen hat. Überall wittert er Feinde, Missgunst und Neider, selbstkritisch ist er höchstens, was seinen Gesang betrifft. Das Publikum: ein Haufen von Ignoranten. Selbstverständlich ist er auch in weniger guter Verfassung der Konkurrenz weit überlegen! Er schmeichelt sich, von Claudio Monteverdi, dem "Genius unseres Jahrhunderts", sehr zufriedenstellende sängerische Leistung bescheinigt bekommen zu haben, dessen Kritik kann er als "konstruktiv" akzeptieren. Später brilliert er mit Monteverdis Klage der Ariadne. Pasqualini übrigens ist es, der darauf hinweist, dass Allegri in seinem Miserere einige der wundertätigen Melodien verarbeitet hat. Zu diesem Zeitpunkt war die Fama schon so weit gediehen, dass die "unchristlichen, ketzerischen Melodien" direkt von Orpheus stammten, dem "heidnischen Halbgott". Da bleibt nur ein kleiner Schritt, um sich selbst zum neuen Orpheus zu halluzinieren ...

Nicht weniger verschroben sind die Mythosophen der Jetztzeit, die versuchen, den Weg der Melodien durch die Jahrhunderte zu verfolgen und zu rekonstruieren. Einem namens Krantz legt Krausser in den Mund: "Das Unsichtbare ist mein Beruf, und es stimmt: Ich hasse Beweise. Wo irgendetwas bewiesen ist, endet meine Kompetenz ... Mysterien zu entzaubern ist etwas Schreckliches - auch wenn ihr Zauber nur so lange vorhält, als sie noch von Entschlüsselung bedroht sind." - Und an anderer Stelle" Bedenken Sie: Auf dieser Welt haben Monteverdi, Mozart und Wagner gelebt. Mussorgski, Beethoven und Mahler. Sie haben unter uns gelebt, haben Musik erschaffen für uns - und wie viele sind es, die ihnen zuhören? Wie viele? Das Gros der Menschen lebt im Zustand unglaublicher Frechheit."


Mit angehaltenem Atem habe ich Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiografie Panikherz verschlungen. Nichts ist so spannend wie das richtige Leben, vor allem, wenn ein Mensch jahrelang auf Messers Schneide balanciert und das so überragend beschreiben kann. Immerhin wusste ich von Anfang an, dass Stuckrad-Barre seinen Exzessmarathon überlebt hat! Schon die Aufzählung seiner Krankheiten und Süchte klingt wie ein Horrortrip: Bulimie, Alkohol, Kokain und was sonst noch an Lebensbeschleunigern greifbar ist. Er nimmt die Leser*in mit, wenn er rauschhafte Nächte, Abstieg, absolutes Elend und Rückkehr in die Welt der Schreibenden in schnelle Sätze fasst. Immer wieder hält er sich an Udo Lindenbergs Songs fest, deren Texte wie Rettungsanker aufscheinen. Lindenberg selbst gibt immer wieder Halt - auch seine Leber hat ja schon einiges hinter sich. Always close to the edge, im Musikbusiness scheint das lange nicht aufzufallen ... Vielleicht wird auch anders herum ein Schuh draus: Man muss schon extrem und/oder exzessiv sein, um genau dorthin zu wollen beziehungsweise zu gelangen. Stuckrad-Barre schreibt nicht nur über Musik und das Business, er hat sich auch selbst als Artists and Repertoire-Manager bei einer Plattenfirma (heißt das überhaupt noch so? - Herr Google und Frau Wikipedia meinen Tonträgerunternehmen) versucht. Absolut bewundernswert finde ich, dass Stuckrad-Barre diesen Trip ohne eine Spur Selbstmitleid schildert - das hat  Größe! Und: Selbstverständlich ist das Literatur, ohne das "Pop" davor.


Hanns-Josef Ortheil, wie konnte ich nur Hanns-Josef Ortheil so lange übersehen? Vor einigen Jahren habe ich Die Nacht des Don Juan gelesen, ich erinnere mich deutlich, dass ich irgendwo im Süden am Meer war, im Urlaub. Sonnenschirm und Liegestuhl sind mir klarer vor Augen als Eindruck und Inhalt des Buches.  Hm. Also, jetzt habe ich auf Empfehlung der Pianistin Ira Maria Witoschynskyj den Roman Die Erfindung des Lebens gelesen, und ich bin hingerissen. Ortheil ist ein ganz hervorragender "musikalischer" Autor und gehört unbedingt in meine Liste. Schriftsteller wurde er, weil er während seines Klavierstudiums in Rom eine Sehnenscheidenentzündung bekam. Sehnenscheidenentzündung kenne ich aus eigener Anfühlung, wobei meine Lebenspläne dadurch nie auf Null zurückgesetzt wurden. Existenzieller Schmerz, ausgelöst durch gemeine körperliche Schmerzen ... Glücklicherweise fand Ortheil den Ausweg im Schreiben. Die Erfindung des Lebens (2009) ist ein Roman mit Motiven aus seiner eigenen Kindheit und Jugend. Prägend für ihn war seine nach dem Verlust von vier Söhnen verstummte Mutter. In der Symbiose mit ihr hörte auch er für einige Jahre auf zu sprechen. Als Ausgleich - so kommt es mir jedenfalls vor - lernte er von ihr, sich im Klavierspiel auszudrücken. Gerettet wurde er von seinem Vater, der mit ihm aufs Land ging, nachdem die Schulkarriere des Jungen am Unverständnis des Lehrers zu scheitern drohte. Dort fängt der Junge wieder an zu sprechen, und auch die Mutter findet zur Sprache zurück. Sie ist übrigens Bibliothekarin, die wunderbar vorliest. In ihren stummen Jahren drückt sie sich schreibend aus, und auch der Junge füllt bei seiner Rückeroberung der Sprache Kladde um Kladde mit Zeichnungen und Wörtern. Sprache, Schreiben und Musik sind von Anfang an dicht verwoben, ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass die Wechsel dazwischen nur Akzentverschiebungen sind. Dennoch macht Ortheil die Dramatik des Schicksals seines Helden fassbar, er erzählt so klug und spannungsvoll von den inneren Welten eines (seines?) erwachenden und wachsenden Ichs, dass ich die knapp 600 Seiten in einem wahren Leserausch verschlungen habe.


Meine Favoritin ist seit längerem Lea Singer. Sie ist Kunsthistorikerin und hat auch Musikwissenschaft und Gesang studiert. Das gründliche Wissen merkt man ihren musikhistorischen Romanen an. Ganz besonders gefällt mir ihr biografischer Roman über Constanze Mozart: Das nackte Leben, DVA München 2005 und dtv München 2007. Gut geschrieben, zügig und interessant erzählt, außerdem habe ich den Eindruck, dass sie der Person Constanze Mozart auf Augenhöhe begegnet und damit gerecht wird. Was ist über diese Frau, die sich auf das Leben mit einem hyperaktiven Genie eingelassen hat, nicht schon alles an Respektlosigkeiten verzapft worden!

 

Fast genauso gut gefallen hat mir Konzert für die linke Hand, Hoffmann und Campe 2008, über Paul Wittgenstein, den Pianisten-Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein, der im Ersten Weltkrieg seine rechte Hand verloren hat. Maurice Ravel schrieb für ihn das Konzert für die linke Hand, nach dem die Romanbiografie benannt wurde. Paul Wittgenstein hat zahlreiche Kompositionen für die linke Hand in Auftrag gegeben und uraufgeführt, s. Wikipedia-Artikel.

2003 veröffentlichte Lea Singer den Roman Wahnsinns Liebe bei der DVA München über Mathilde, die Frau des Komponisten Arnold Schönberg, die zur Geliebten des Malers Richard Gerstl wird. Der Roman liegt bei dtv als Taschenbuch vor.


Ganz außerordentlich beeindruckt war ich von Richard Powers' 2003 erschienenem Roman Der Klang der Zeit. Powers weiß sehr, sehr viel über Musik, er bewegt sich souverän durch die Musikgeschichte und beschreibt das Musizieren in der Familie und Musikaufführungen quasi von innen heraus und sehr, sehr mitreißend. Den Hintergrund der Familiensaga, die fast das ganze 20. Jahrhundert umfasst, bildet die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung in den USA. Im Zentrum stehen zwei musikalisch hochtalentierte Söhne eines deutsch-jüdischen Physikers und einer Afroamerikanerin. "Hauptthema jedoch ist die alle Geschehnisse durchziehende und durchdringende Kraft und Schönheit der Musik und des Gesangs, deren Emotionalität und Perfektion enthusiastisch beschrieben und, trotz aller Tragik, als letztlich triumphierend gefeiert werden." Der letzte Satz ist aus dem Wikipedia-Artikel zu Der Klang der Zeit, ich habe ihn übernommen, weil ich das nicht besser schreiben könnte.

 

Explizit "musikalisch" wurde Richard Powers noch einmal in Orfeo (2014). Der Avantgarde-Komponisten Peter Els versucht, die perfekte Melodie in die DNA von Bakterien einzuschreiben. Er gerät in das Visier der Sicherheitsbehörden, weil diese in seinem Labor eine osmanische Partitur entdecken. Der mutmaßliche Terrorist begibt sich auf die Flucht und lässt sich von einem Polizisten erschießen - suicide by cop scheint derzeit ziemlich en vogue. Dieses doofe Ende ist wirklich nicht das Wesentliche des Romans, es sind die Schilderungen von Musik und der Leidenschaften, die in ihr wohnen und die sie auslösen kann.


Zwei sehr schöne Bücher zum Thema Kastraten: Von Margriet de Moor der kleine Roman Der Virtuose. Er erzählt die Liebesgeschichte zwischen einer jungen Adligen im Neapel des beginnenden 18. Jahrhunderts und einem Soprankastraten. Raffiniert erzählt und interessant zu lesen. Auf einer wahren Geschichte beruht Die Nachtigall des Zaren: Das Leben des Kastraten Filippo Balatri von Christine Wunnicke. Dank Balatris handschriftlicher Memoiren - der einzigen überlieferten Autobiografie eines Kastratensängers - konnte Christine Wunnicke sein Leben bis ins Detail rekonstruieren.


Bereits 1924 erschienen, aber immer noch sehr lesenswert ist der Künstlerroman Verdi. Roman der Oper von Franz Werfel. Er schildert die Reise Giuseppe Verdis 1883 nach Venedig, wo er Richard Wagner begegnet. Verdi arbeitet an seinem King Lear, den er schlussendlich vernichtet. Die Begegnung mit einem mittellosen jungen Musiker reißt ihn jedoch aus der Schaffenskrise.


Liszt-Äffchen, fotografiert im Zoo Karlsruhe
Liszt-Äffchen, fotografiert im Zoo Karlsruhe. Das einzige Tier, das, so viel ich weiß, nach einem Komponisten benannt wurde.

Was assoziiert die Musikliebhaberin bei dem Titel Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki? Genau, die Années de pèlerinage von Franz Liszt. Und, tatsächlich, nicht nur Liszts Kompositionen, sondern ganz allgemein Musik wird von Haruki Murakami kunstvoll in die Handlung des Romans eingebaut und immer wieder als Metapher verwendet. Eine Jugendfreundin des Herrn Tazaki spielt Klavier, besonders gern Le mal du pays, das für ihn mit seiner "grundlosen Traurigkeit, die eine ländliche Idylle im menschlichen Herzen weckt", "Heimweh, Sehnsucht oder Melancholie" (S. 59 - 61) ausdrückt. Auch ein Freund des Helden, Haida, liebt die Années de pèlerinage, seine Lieblingsinterpreten sind übrigens Claudio Arrau von den älteren und Lasar Berman von den jüngeren - vermutlich gibt das die Meinung des Autors wider. (Ich selbst habe die Einspielung mit Ragna Schirmer.) Seine Ich-Findung beschreibt Tsukuru Tazaki so: "Das Leben war wie eine schwierige Partitur. Sechzehntelnoten und Zweiunddreißigstelnoten, seltsame Zeichen und kryptische Anmerkungen. Alles richtig zu lesen war eine Aufgabe, die beinahe unmöglich zu bewältigen war, und selbst wenn man alles richtig lesen und sogar in die richtigen Töne umwandeln konnte, hieß das noch lange nicht, dass man den Sinn verstande hatte und anderen verständlich machen konnte. Ganz zu schweigen davon, jemanden glücklich zu machen. Warum musste das Leben so unendlich kompliziert sein?" (S. 294) 

In einem gleichnishaften Traum erfährt Tsukuru, wie das Leben zu meistern sei. Er interpretiert am Klavier eine Sonate mit einem komplizierten Aufbau und einer schwierigen Melodie, "die ein hohes Maß an Virtuosität erforderten". (S. 291) "Bei seinem selbstvergessenen Spiel durchzischte die Inspiration seinen Körper wie ein Blitzschlag an einem Sommernachmittag. Ungeachtet ihres gewaltigen, Virtuosität erfordernden Aufbaus war die Musik außergewöhnlich schön und tiefgründig. Sie versinnbildlichte auf erhabene und nuancierte Weise verschiedene Aspekte des menschlichen Lebens, die unmöglich durch etwas anderes als Musik auszudrücken waren." (S. 292) Das Erstaunliche dabei ist, dass Murakami seinen "farblosen Herrn Tazaki" einen ganz prosaischen Beruf anstreben, studieren und ausüben lässt: er konstruiert Bahnhöfe. Seine Pilgerjahre begannen damit, dass seine Jugendfreunde ihn von einem Tag auf den anderen nicht mehr sehen wollten. Und sie enden, als er sich auf den Weg macht, das Warum dieser Zurückweisung zu erforschen.

Ich habe mir meine Aufnahme der Années de pèlerinage mit Ragna Schirmer noch einmal vorgenommen und mit Wohlgefallen festgestellt, dass es sich um Konzeptalbum handelt. Zwischen den pianistischen Charakterstücken sind Madrigale von Carlo Gesualdo und Luca Marenzio eingefügt, die von den Herren des A-cappella-Quintetts Amarcord ganz vorzüglich gesungen werden. Zu Le Mal du pays schreibt die Pianistin im Booklet, das wie ein Tagebuch angelegt ist: "Dies Stück ist mir das liebste von allen. Das nachhallende Echo des einsamen Rufes in die Berge, das An- und Abschwellen der Sehnsucht; ich kenne diese Gefühle so gut. Wonach sehnt sich Liszt? Ist das ein ungarisches Lied in der Mitte? Ist das sein Heimweh?" Zu Beginn des Stückes erklingt übrigens ein Kuhreihen, das ist ein Lied, mit dem in den Schweizer Alpen ursprünglich die Kühe zum Melken angelockt wurden.


Auch der große Bildungsbürger und Ironiker Thomas Mann kommt ohne Musik nicht aus. Das fängt in den Buddenbrooks an und gipfelt in Doktor Faustus. Doch nicht nur in den Romanen thematisiert und illustriert Mann mit Musik, auch in seinen Kurzgeschichten greift er zu "musikalischen" Themen. Allen voran sind hier Wälsungenblut und der Tod in Venedig zu nennen. In Wälsungenblut geht es um einen geschwisterlichen Inzest, für den Siegmund und Sieglinde aus Richard Wagners Walküre Pate stehen. Eigentlich sind hier die Bezüge eher auf der Eben der Handlung als in der Musik zu suchen. Aber lässt sich das bei Wagner tatsächlich auseinanderhalten? Ich glaube nicht.


Hauptfigur der "Tragödie einer Entwürdigung" Tod in Venedig ist der Komponist Gustav von Aschenbach, der Züge von Gustav Mahler trägt. Luchino Visconti, der die Novelle kongenial verfilmte, hat klugerweise zu Mahlers Musik gegriffen, genauer zum Misterioso aus der 3. Sinfonie und zum Adagietto aus der 5., die den Bildern von Verfall und Endzeitungstimmung eine klangliche Ebene hinzufügen. 

Die Musik wird von Gerda Arnoldsen in die Familie Buddenbrook gebracht. Die Amsterdamerin ist eine hervorragende Geigerin und musiziert auf einer kostbaren Stradivari. Mit ihrem Ehemann Thomas Buddenbrook hat sie einen einzigen Sohn, Justus Johann Kaspar, in der Familie Hanno genannt. Gerda und Hanno verkörpern ein weltenthobenes Ideal, während sich die meisten Buddenbrooks durch Tatkraft und Fleiß auszeichnen. Gerda beschäftigt sich leidenschaftlich mit Wagners Kompositionen, aber auch mit Bach, dessen g-Moll-Konzert sie zusammen mit Edmund Pfühl, dem Organisten von Sankt Marien und Lehrer Hannos, musiziert. Haydn, Mozart und Beethoven, die musikalischen Hausgötter des Bürgertums um 1900, stehen auf ihrem privaten Spielplan. Gegenüber Pfühl, der sich zunächst weigert, Gerda aus dem Tristan vorzuspielen, denn "Das ist keine Musik ... glauben Sie mir doch .. ich habe mir immer eingebildet, ein wenig von Musik zu verstehen! Dies ist das Chaos! Dies ist Demagogie, Blasphemie und Wahnwitz!  Dies ist ein parfümierter Qualm, in dem es blitzt! Dies ist das Ende aller Moral in der Kunst!", verteidigt sie Wagner so geschickt,  dass er für sie den Liebestod für Violine und Pianoforte einrichtet. Mehr noch: "Eines Tages erklärte Pfühl, er sähe sich, .... nun doch verpflichtet, seinem Buche über den Kirchenstil einen Anhang 'über die Anwendung der alten Tonarten in Richard Wagners Kirchen- und Volksmusik' hinzuzufügen."

Hanno hat die Buddenbrookschen Hände, die Nonen und Dezimen greifen können. Dennoch ist Gerda erleichtert, dass er nicht zum Solistentum "inkliniert", da dort die Gefahr bestehe, "in mehr oder minder vollendetes Virtuosentum" zu geraten. Es geht ihr bei der Ausbildung ihres Sohnes um ein "intimeres, klareres und umfassenderes Verhältnis zur Musik ... Es kommt so wenig darauf an, auf ein Instrument dressiert zu werden, sondern vielmehr darauf, ein wenig von Musik zu verstehen ..." Also unterrichtet Pfühl Hanno bald in den Grundlagen der Harmonielehre. Das Ergebnis ist, dass Hanno bald mit dem Improvisieren und Phantasieren beginnt und an seinem achten Geburtstag mit seiner Mutter der Familie eine eigene Phantasie vorspielt.  Dabei verschmelzen musikalische und sexuelle Ekstase bei dem kleinen Jungen, ohne dass die Familie etwas davon merkt.  Mehr noch, Thomas Mann lässt Frau Tony Permaneder ausrufen: "'Gerda, Tom, er wird ein Mozart, ein Meyerbeer, ein ...', und in Ermangelung eines dritten Namens von ähnlicher Bedeutung, der ihr nicht sogleich einfiel, beschränkte sie sich darauf, ihren Neffen ... mit Küssen zu bedecken." Ich hätte dem Autor Monteverdi vorgeschlagen, nur wegen der Alliteration, wohl wissend, dass der italienische Komponist des frühen Barock ihm kaum bekannt gewesen sein dürfte. Schade eigentlich, da hat er wirklich was verpasst!


Thomas Buddenbrook bleibt das Wesen seines Sohnes - wie das seiner Frau - fremd, bei den Auseinandersetzungen mit Gerda und Hanno kann er auf die Dauer nur verlieren. Er, der scheinbar so Lebenstüchtige, stirbt in seinem 49. Lebensjahr, der ewig kränkelnde Hanno mit 16. Und Gerda, unverändert und damit einer Melusine gleich, zieht zurück nach Amsterdam, um mit ihrem Vater wieder Duette auf der Geige zu spielen. 

Musik gehörte für Thomas Mann zum Inventar höherer Bildung. Meine Lieblingsstelle im Zauberberg ist der Moment, in dem die "mörderlich-ungebildete" Frau Stöhr beim Tod Joachim Ziemßens ausruft: "Er war ein Held! Man sollte die Erotika spielen!“ Bitter parodiert der Autor den romantischen Todeskult, wenn er Hans Castorp mit Franz Schuberts Lindenbaum auf den Lippen auf das Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs ziehen lässt. Das Kapitel Fülle des Wohllauts berichtet von der Anschaffung eines guten Grammophons für den Hauptgesellschaftsraum des Sanatoriums. Hofrat Behrens entzückte das Publikum mit einer Orchesterversion der Arie  Ach, ich habe sie verloren aus Glucks Oper Orpheus und Eurydice und einem Cancan, die Bravourarie des Figaro aus Rossinis Barbier von Sevilla , interpretiert von einem ungenannten italienischen Bariton. Außerdem gab es eine Arie aus Verdis Traviata, eine Romanze von Rubinstein, Tanzmusik, sogar der in Europa brandneue Tango war auf Schelllackplatte vorhanden. Hans Castorp nutzte die Ruhe etlicher Nächte, um sich durch die Platten zu hören. Genannt werden aus dem Tannhäuser von Wagner die Arie Blick ich umher in diesem edlen Kreise, und, ganz auf der Höhe der Zeit, eine Szene aus Giacomo Puccinis La bohème. Castorps Favoriten sind die Schlussszenen aus Giuseppe Verdis Aida, die eigentlich schon im Jenseits spielen; von "ihren Schrecken und Verklärungen"  erholte er sich mit Claude Debussys L'après-midi d'un faune. Dann entzückt ihn George Bizets Carmen, auch die Story dieser Oper erzählt er akribisch nach. Folgen ließ er Ausschnitte aus Charles Gounods Faust-Oper und den Lindenbaum. Der Autor stellt bei dem "holden Heimwehlied" eine "Sympathie mit dem Tode" fest und antizipiert Hans Castorps Tod auf dem Schlachtfeld.


"Hans Castorps Gedanken oder ahndevolle Halbgedanken gingen hoch, während er in Nacht und Einsamkeit vor seinem gestutzten Musiksarge saß, – sie gingen höher, als sein Verstand reichte, es waren alchimistisch gesteigerte Gedanken. O, er war mächtig, der Seelenzauber! Wir alle waren seine Söhne, und Mächtiges konnten wir ausrichten auf Erden, indem wir ihm dienten. Man brauchte nicht mehr Genie, nur viel mehr Talent, als der Autor des Lindenbaumliedes, um als Seelenzauberkünstler dem Liede Riesenmaße zu geben und die Welt damit zu unterwerfen. Man mochte wahrscheinlich sogar Reiche darauf gründen, irdisch-allzu irdische Reiche, sehr derb und fortschrittsfroh und eigentlich gar nicht heimwehkrank, – in welchen das Lied zur elektrischen Grammophonmusik verdarb. Aber sein bester Sohn mochte doch derjenige sein, der in seiner Überwindung sein Leben verzehrte und starb, auf den Lippen das neue Wort der Liebe, das er noch nicht zu sprechen wußte. Es war so wert, dafür zu sterben, das Zauberlied! Aber wer dafür starb, der starb schon eigentlich nicht mehr dafür und war ein Held nur, weil er im Grunde schon für das Neue starb, das neue Wort der Liebe und der Zukunft in seinem Herzen – –"

Spiegelt die Musikauswahl im Zauberberg-Kapitel Fülle des Wohllauts das wider, was in den Konzertsälen und Opernhäusern der Thomas-Mann-Zeit zu erleben und im Großen und Ganzen Konsens war, so wagte sich der Autor in seinem Doktor Faustus auf das schwierige und in den 1940er Jahren noch immer heiß umstrittene Gebiet der Neuen Musik. Arnold Schönberg war ganz und gar nicht erfreut, dass Mann seinen tragischen Helden Adrian Leverkühn nach einem Pakt mit dem Teufel das Komponieren mit den gleichwertigen zwölf Tönen erfinden und damit einen revolutionär neuen Weg für die Musik, die in den Jahren nach 1900 an ihre harmonischen Grenzen gelangt war, einschlagen ließ. Manns Berater war übrigens Theodor Wiesengrund Adorno; auch ihm hat der Schriftsteller in seinem Roman ein Denkmal gesetzt. Ich kann Schönbergs Ärger nachvollziehen, hatte er sich doch keineswegs mit dem Teufel verbünden müssen, um seine Zwölftontechnik zu entwickeln. Da half dann auch nicht, dass Mann ab der fünfundzwanzigtausendsten Auflage am Ende des Romans vermerkte, dass Arnold Schönberg der geistige Vater der in seinem 22. Kapitel beschriebenen Kompositionstechnik war.

Die Diskussion, ob der Roman, der die Kritik an den den politischen Verhältnissen des nationalsozialistischen Deutschlands mit dem faustischen Künstler, der sich in einen irrationalen Schaffensrausch flüchtet, verbindet, nun letztendlich gelungen ist, will ich beiseite lassen. Da dieser Künstler ein Komponist ist, dessen Leben von einem Freund posthum erzählt wird,  ist im Doktor Faustus immer wieder von Musik die Rede. Der Mutter Adrian Leverkühns, Elsbeth, verlieh Mann einen "warmen Mezzo-Sopran". Auf "eigentliches Singen" aber ließ sie sich, wohl aus Scheu vor den dämonischen (emotionalen?) Kräften, die in der Musik stecken, nicht ein. Singen lernten der kleine Adrian und seine Freunde von Hanne, der Stallmagd, die abends "mit plärrender Stimme" "Volks-, Soldaten- und Gassenlieder, meist gefühlstriefenden oder grausigen Charakters" sang, die Knaben aber auch Kanons lehrte. Später zog Adrian vom elterlichen Bauernhof zu seinem Onkel Nikolaus Leverkühn, dem Geigenbauer und Instrumentenhändler, nach Kaisersaschern. Dieser entdeckte Adrians Begabung und schickte ihn zu Wendell Kretzschmar, der ihm Klavierunterricht gab und in Vorträgen Kompositionen, zumeist von Beethoven, erläuterte. (Ich vermute, der Name Kretzschmar verweist auf den deutschen Musikwissenschaftler und -schriftsteller Hermann Kretzschmar (1848 - 1924), dessen Führer durch den Konzertsaal, Leipzig 1887 - 90, Mann gekannt haben dürfte. Kretzschmar gilt als Begründer der Hermeneutik in der Musik. Der Name Wendell übrigens ist germanischen Ursprungs und bedeutet 'Wanderer'. Wer da nicht an Wagner denkt ...) 

Kretzschmar macht Adrian nicht nur mit den Klassikern, sondern mit neueren und neuesten Werken bekannt: Mann nennt, Tschaikowsky, Borodin und Rimski-Korsakow, Dvořák und Berlioz, César Franck und Chabrier. Bereits in Halle, wo er Theologie studiert, pinnt Leverkühn sich einen arithmetischen Stich, ein sogenanntes magisches Quadrat an die Wand über seinem Pianino: Ein erster Hinweis auf die Zwölftonmusik. Seine frühe Komposition "Meerleuchten" - Schönbergs Verklärte Nacht und La mer von Claude Debussy klingen hier an - wurde ihm von Ernest Ansermet und dem Orchestre de la Suisse Romande in Genf vorgespielt, "dieses Stück nächstlich funkelnden Impressionismus", wie Mann es beschrieb. Weiter begegnen wir bei der Beschreibung der Frühwerke Leverkühns Richard Strauss' Brentano-Liedern. An einem der Lieder erklärt er seinem Freund Serenus Zeitblohm seine Idee einer seriellen Musik, die komplett "rational durchorganisiert" ist, die das "uralte Verlangen, was immer klingt, ordnend zu erfassen und das magische Wesen der Musik in menschliche Vernunft aufzulösen." Die Komödie Verlorene Liebesmüh nach Shakespeare, aus der Leverkühn seinen Freunden vorspielt, erinnert an Richard Wagners frühe Oper Das Liebesvesverbot.  Nicht so nett ist, dass Thomas Mann dem Teufel die Züge von Adorno und Gustav Mahler verleiht. Mahler war ja, als er den Roman schrieb, schon 30 Jahre tot und konnte sich nicht mehr wehren, und Adorno verdankte der Autor die Kenntnis der Zwölftontechnik. Sicher hat er ihm noch weit mehr über Musik erzählt ... Den Teufel trifft Leverkühn übrigens in Palestrina, dem italienischen Ort, in dem sich Thomas Mann mit seinem Bruder Heinrich aufgehalten hatte. Ich denke, der Name ist auch eine Anspielung an den  Renaissance-Komponisten Giovanni Pierluigi da Palestrina, dessen Leben Hans Pfitzner zum Sujet einer Oper machte.

Schönbergs Streichquartett Nr. 2 op. 10 mit dem berühmten Motto des vierten Satzes "Ich fühle Luft von anderen Planeten" stand Pate bei Leverkühns Vertonung von zwei Hymnen von John Keats, Ode to a nightingale und An die Melancholie. Die Stimme wird hier von einem Streichquartett begleitet, das Ganze ist eine "äußerst kunstvolle Form der Variation, in welcher kein Ton der Singstimme und der vier Instrumente unthematisch war." Verlegt übrigens wurden Adrian Leverkühns Werke bei Schotts Söhnen in Mainz, hin und wieder wurden seine Kompositionen aufgeführt. Möglicherweise ist es ja ein Scherz von Thomas Mann, ausgerechnet die Lübecker Aufführung von Verlorene Liebesmüh als erfolglos darzustellen. Aufführungen im Ausland - Pierre Monteux, Direktor des experimentierfreudigen Russischen Balletts in Paris, interessierte sich für die Wunder des Alls und einige Orchesterstücke aus Love's Labour's Lost - zerschlugen sich wegen des Ersten Weltkriegs. Ein weiteres Vorbild für eine Komposition Leverkühns ist Igor Strawinskys Geschichte vom Soldaten - die Gesta Romanorum nach mittelalterlichen Schwänken sind für das Marionettentheater konzipiert. Leverkühns Apocalipsis cum figuris, eine Huldigung an den Maler Albrecht Dürer, ist Arnold Schönbergs Jakobsleiter nachempfunden, Manns Beschreibung der Musik lässt auch an Strawinsky, Carl Orff und Béla Bartók denken. Die Internationale Gesellschaft für Neue Musik, 1922 in Salzburg von Protagonisten der Zweiten Wiener Schule gegründet, führte, so Mann, bereits zwei Jahre danach in Prag Fragmente der Apocalipsis cum figuris auf. Auch einen Verlagswechsel lässt er seinen Helden vornehmen: die jüngeren Werke Leverkühns gibt die Wiener Universal-Edition heraus. Dem Geiger Rudi Schwerdtfeger schreibt Leverkühn ein Violinkonzert auf den Leib: Wer denkt hier nicht an Alban Bergs Violinkonzert 'Dem Andenken eines Engels'?

Das Jahr 1927 bringt einen "kammermusikalischen Hoch- und Wunderertrag": Eine Ensemblemusik für drei Streicher, drei Holzbläser und Klavier, "keine Sonate ..., sondern ein Roman", wie Leverkühn wagnerisierend formuliert. Eine Tendenz zu musikalischer "'Prosa'" hat auch das Streichquartett, sein "esoterischstes Werk vielleicht"; die Beschreibung eines Satzes erinnert an den fünften Satz von Bergs Lyrischer Suite. Dann das hochvirtuose Trio für Geige, Viola und Violoncell, von Adrian als "Unmöglich, aber denkbar" bezeichnet . 1927 konzipierte er auch Doctor Fausti Weheklang, eine sinfonische Kantate, die an den Schlusssatz von Beethovens Neunter Sinfonie anknüpft beziehungsweise die ihn zurücknehmen will, sein Opus magnum.

Der Wikipedia-Artikel über den Roman Doktor Faustus führt an, dass sich Thomas Mann nicht nur bei Adorno und Schönberg, sondern auch bei  Igor Strawinsky und Hanns Eisler über zeitgenössische Entwicklungen der Musik gründlich schlau gemacht hat.


Ein Leben ohne Musik und ohne Bücher ist möglich, aber sinnlos.